Fitnesstracker überführt Verdächtigen in einem Mordfall

In den USA hat ein Fitnesstracker einen Verdächtigen in einem Mordfall der Lüge überführt. Denn das Armband wusste genau, wann das Herz seiner Besitzerin aufgehört hatte, zu schlagen. Doch sind diese Daten überhaupt zulässig? Welche Gefahren und Potenziale ermöglichen Wearables im Rechtssystem?

Genaues Zeitfenster: Videobeweis und Fitnessdaten decken Lüge auf

Im September 2018 musste Karen Navarras in San José im US-Bundesstaat Kalifornien sterben. Sie wurde ermordet – vermutlich mit einem Beil oder einer Axt. Eine Kollegin hatte die Tote in ihrer Wohnung gefunden, nachdem diese nicht zur Arbeit kam. Die Polizei ermittelte schnell einen Tatverdächtigen: ihren 90 Jahre alten Stiefvater. Dieser gab im Zuge der Ermittlung zwar zu, seine Stieftochter am Nachmittag besucht zu haben, doch behauptete er auch, sie habe noch gelebt, als er ihre Wohnung verließ. Doch der Tatverdächtige hatte die Rechnung nicht mit dem Fitnesstracker an Karens Armgelenk gemacht. Die Auswertung dessen Daten zeigten den genauen Todeszeitpunkt an: Um 15.20 Uhr raste ihr Herz zunächst und acht Minuten später wurde kein Herzschlag mehr aufgezeichnet. Diese Daten gaben den Ermittlern ein genaues Zeitfenster für Karens Tod. Sie überprüften so passgenau Polizeikameras um Karens Wohnung: Das Video einer Überwachungskamera zeigte, dass Karens Stiefvater die Wohnung erst kurz nach halb vier Uhr verlassen hatte. Der Stiefvater wurde verhaftet. Er bestreitet jedoch die Tat. Doch die Videoaufnahmen und die Daten des Fitnesstrackers wiegen schwer.

Vor Gericht: Daten von Fitness-Armbändern zulässig

Dieser Fall ist nicht der Erste in den USA, bei denen Ermittler auf Daten von Fitness-Armbändern zurückgreifen, um Aussagen von Verdächtigen zu überprüfen. In einem anderen Fall sollten die Wearables helfen, den Aktivitäten eines unter Mordverdacht stehenden Ehemanns zu widerlegen. Auch andere intelligente Technik soll bei den Ermittlungen unterstützen – wie beispielsweise ein sprachgesteuerter Lautsprecher. So wollten die Ermittler in einem weiteren Fall in das Tatgeschehen quasi „hinein lauschen“. In Zeiten der Digitalisierung scheint das nicht ungewöhnlich. Fast jeder Mensch hat heutzutage ein Smartphone bei sich. Über ein Drittel der Deutschen nutzen Statistiken zufolge Fitnesstracker in ihrem Alltag. Positionsdaten werden gespeichert, der Puls permanent gemessen, die Geräte wissen genau, wie viel Schritte, wer am Tag gegangen ist, wann wir schlafen und wann wir es eben nicht tun. Doch sind diese Daten überhaupt vor Gericht zulässig? In den USA und in Kanada haben Gerichte bereits im Jahr 2014 begonnen, diese Fitnesstracker als Beweismittel zuzulassen. Denn sie haben ein enormes Potenzial. In einem Fall wurde einer Klägerin nachgewiesen, dass sie in der fraglichen Nacht nicht geschlafen hatte, wie sie behauptete, sondern putzmunter war. Andererseits konnte ein Unfallopfer mit ihrem Fitness-Armband im Jahr 2014 untermauern, dass sie seit dem Unfall körperlich eingeschränkt ist. Dieser Fall war der erste Bekannte, indem die Technik vor Gericht zur Anwendung kam. Amerikanische Polizisten und Juristen bezeichnen die Geräte als „Black Box“ des menschlichen Körpers. In Deutschland sind jedoch noch keine Fälle bekannt, in Kriminalstatistiken ist hierzu nichts erfasst. Weder Bundeskriminalamt noch Bundesjustizministerium hätten Daten dazu vorliegen, hieß es 2018 hier auf Anfrage der Presse.

Datenschutz: So sicher sind die Fitness-Armbänder

Es stellt sich jedoch auch die Frage: Wie sicher sind die Daten eines Fitness-Armbands? Wie sieht es mit Datenschutz aus? Das unabhängige Institut AV-Test hat sich dem Thema angenommen und die 13 beliebtesten Fitnesstracker auf Herz und Nieren geprüft. Im Fokus des Tests: Sicherheit der lokalen und der externen Kommunikation, App-Sicherheit und Datenschutz. Noch einige Jahre zuvor wurden hier gravierende Mängel nachgewiesen. Doch im Test von 2018 schnitten acht der zwölf Geräte mit der Bestnote ab. Getestet wurden:
  • Apple Watch Series 3 – 3 von 3 Sterne
  • Fitbit Charge 2 – 3 von 3 Sterne
  • Garmin vívofit 3 – 3 von 3 Sterne
  • Huawei Band 2 Pro – 3 von 3 Sterne
  • Jawbone UP3 – 3 von 3 Sterne
  • Lenovo HW01 – 1 von 3 Sterne
  • Medion Life S2000 – 3 von 3 Sterne
  • Moov Now – 2 von 3 Sterne
  • Nokia Steel HR – 3 von 3 Sterne
  • Polar A370: 2 von 3 Sterne
  • Samsung Fit2 Pro – 3 von 3 Sterne
  • TomTom Spark 3 – 3 von 3 Sterne
  • Xiaomi Mi Band 2 – 3 von 3 Sterne
Schwächen gab es bei einigen Geräten im Bereich der Datenübertragung, die teilweise unverschlüsselt oder ohne Authentifizierung übertragen wurden. Die Sicherheit gegen Zugriffe von außen wird nicht bei allen Geräten gewährleistet und so manches Modell greift auf unverschlüsselte Verbindung im Bereich Cloud und Update zurück. Der Großteil der Hersteller ist auch immenser Kritik beim Datenschutz ausgesetzt. Denn sie schließen in ihren Geschäftsbedingungen nicht aus, Daten auch außerhalb der Europäischen Union zu speichern. Dort gelten weniger strenge Regelungen zum Datenschutz als innerhalb der EU: Dritte könnten beispielsweise auch zu Werbezwecken auf die Daten zugreifen. Bei so manchem Hersteller, wie im Fall von Karen und „Fitbit“, willigt der Nutzer ein, dass das Unternehmen die Daten aus dem Armband an Behörden weitergibt, sollten sie von einem Gericht angefordert werden.

Risiko der Richtigkeit: Stimmen die Daten des Trackers?

Kritiker behaupten aufgrund dieser immer noch zahlreich existierenden Sicherheitsmängel, dass die Daten von Fitnesstrackern längst keine Garantie sind und nicht für bare Münze genommen werden dürfen. Denn sie könnten ebenso manipuliert werden. Die Daten selbst beweisen nicht immer, dass sie auch von der beschuldigten oder zu entlastenden Person stammen. Zudem könnten sich Beschuldigte genötigt fühlen, ihre Daten preisgeben zu müssen oder Nachteile befürchten, wenn sie dies nicht tun. In Deutschland hat die Justiz die Fitness-Daten noch nicht medienwirksam für sich entdeckt. Krankenkassen machen hingegen bereits Schlagzeilen. Sie wollen beispielsweise Boni an ihre Versicherten für die Bereitstellung der Daten geben. Das US-Unternehmen John Hancock bietet inzwischen sogar nur noch Lebensversicherung an, die auf Fitnessdaten basieren. So überführen die gesammelten Schritte, Muster des Herzschlags und Schlafrhythmen längst nicht nur Mörder, sondern auch Bewegungsmuffel und belohnen besonders aktive Menschen.

Zusammenfassung

In den USA ist es bereits Praxis: Fitness-Daten werden bei polizeilichen Ermittlungen herangezogen, um Mörder zu finden oder Schadensersatz zu bewilligen. In Deutschland werden Fitness-Daten vermehrt von Krankenkassen genutzt, die Boni und Nachlässe für gewisse Leistungen gewähren. Jedoch gibt es immer noch Schwächen in der Datensicherheit der Fitness-Armbänder – wie Tests belegen.

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