Google erhält Zugriff auf Millionen Patientendaten – Das Nightingale Projekt

„Die allererste Anforderung an ein Krankenhaus ist, dass es den Kranken keinen Schaden zufügt.“ Das formulierte Florence Nightingale (1820-1910), die moderne Hygienestandards und die professionelle Krankenpflege begründete. Zudem war die emanzipierte Krankenschwester mathematisch recht begabt und konnte Zusammenhänge besonders gut in Statistiken darstellen. Katholisch war sie auch, wie Ascension: Hinter dem Nightingale Projekt steht die Kooperation der Klinikgesellschaft Ascension in den USA mit Google. Es geht um Fortschritt und die liebe Digitalisierung. Man kann nun Sorge haben, dass sensible Patientendaten unrechtmäßig bei Google Verwendung finden, für Marktforschungszwecke, eigene Tochterfirmen der Gesundheitsbranche bis hin zur Entwicklung künstlicher Intelligenzen. Warum auch nicht? Apple spielt auch in der Branche, gemeinsam mit vielen Playern – und allerorts scheint die Digitalisierung überfällig. Vielleicht ist es auch vorteilhaft, wenn Fachärzte mit einem Klick auf digitale Patienten-Daten zugreifen und schneller die statistisch erfolgreichste Behandlung empfehlen können; alles online ohne lange Wartezeiten.

Datenschutz: relevant sind geltende Gesetze und Verträge

Ascension agiert, basierend auf denselben Rechts-Grundlagen, wie auch tausende andere Kliniken in den USA. Die Verantwortung für die Datenweitergabe und -verarbeitung liegt bei der Klinik, die Patientendaten erhebt; dazu gehört auch die vertragliche Regelung zu Leistungen von Drittanbietern, wie Google. Ascension sagt dazu: „Google ist nicht berechtigt, die Daten für Marketing- oder Forschungszwecke zu verwenden. Krankenhäuser und Anbieter von klinischer Software im ganzen Land haben auf die in der Cloud gespeicherten elektronischen Patientenakten umgestellt oder sind dabei, diese umzustellen, und in Kürze wird die gesamte Branche diesen Ansatz übernehmen.“ Benannt wird dabei nicht, ob es Überprüfungsinstrumente gibt, die die tatsächliche Datennutzung seitens des Google-Konzerns kontrollieren könnten.

Der gläserne Patient in Deutschland

Dass Trends aus den USA wenig später auch in Deutschland auftauchen, wäre kein neues Phänomen – der Prozess der Digitalisierung in der Gesundheitsbranche erst recht nicht. Es gilt, rechtliche Rahmenbedingungen für deutsche Verbraucher, Benutzer und Patienten so anzupassen, dass Forschung und Entwicklung im Sinne der Bürger datenschutzgerecht möglich sind. Noch mehr Google hätten wir aber gar nicht nötig, um gläserne Patienten zu werden. Immerhin geben wir bereits über unzählige Socialmedia-Accounts, YouTube-Videos und Fitness-Apps umfangreiche Einblicke und Daten über uns heraus, die analysiert und bewertet werden können – natürlich auch mit dem Blickpunkt auf „Patienten“ und potentielle Kunden der Gesundheitssparte. Es wäre längst möglich, auf öffentliche Informationen zu zugreifen, bereitwillig zur Verfügung gestellt von uns Verbrauchern selbst. Was sollte Versicherer, Krankenkassen und unabhängige Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen abhalten, diese Daten zu analysieren und individuelle Kostensätze, je nach Sportlichkeit und Ernährungsstil zu berechnen? Die Kunden und User scheinen immerhin dafür offen zu sein. Nichts wird so viel öffentlich geteilt, wie Fotos von unseren Speisen und Selfies – achten Sie immer darauf, ob Augenringe und Ohweh!-Alkohol im Hintergrund zu sehen sind?!

Die Rolle der Verbraucher

Vielleicht prüfen Sie lieber die Statistik Ihrer Fitnessuhr – wenn Sie träge geworden sind, empfiehlt es sich, nochmal genau in die Datenschutz-Bestimmungen der digitalen Messgeräte zu schauen. Nicht, dass Ihnen bald eine Beitragserhöhung droht! Wenn jeder, der öffentlich digital stattfindet, zum potentiellen Kunden und Patienten werden kann, sich auch freiwillig analysieren lässt, Schritte zählt, Schlaf-Überwachungs-Apps nutzt und sich selbst mehr und mehr statistisch erfassen lässt, öffnen sich natürlich Denkmodelle für Marktzwecke. Wollen wir nicht alle gerecht behandelt und eingestuft werden? Warum soll der Raucher oder Fleischesser nicht mehr zahlen müssen, wenn doch statistisch erwiesen ist, dass diese Lebensstile den Steuerzahler belasten? Das betrifft auch ledige und geschiedene Menschen. Wie könnte Ihr persönlicher, medialer Fußabdruck gedeutet werden? Vorsorglich können Sie regelmäßig Selfies in Sportkleidung und Fotos mit Ihrem (besten) Freund teilen; aber besser nur am veganen Buffet, ohne Weinglas und Rauchschwaden. Vielleicht lassen sich so schon bald einige Kosten sparen.
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